Einblicke in den Alltag #Öffentlichkeitsarbeit

Dezember 2022

Neue Interviewanfrage vom SWR, warum es so wichtig ist über sexuelle Gewalt zu sprechen und was so ein Interview mit mir macht.

Nachtcafé Podcast beim SWR

Vor einiger Zeit habe ich eine Interviewanfrage vom Nachtcafé Podcast beim SWR bekommen. In dieser Sendung mit Micheal Steinbrecher werden Geschichten über den Menschen erzählt. Ein Blick in die Mediathek verrät, dass alle Lebensbereiche betrachtet werden. Es werden Menschen gezeigt die mit besonderen Lebensumständen leben oder traumatische Erfahrungen gemacht haben. Es gibt keinen zeitlich strengen Rahmen für eine Podcast Folge und die Folgen gehen zwischen 30 und 60 Min. Gerne wollen Sie nun das Thema sexueller Missbrauch in Sportvereinen aufgreifen. In sicherem Rahmen soll ich meine Geschichte erzählen. Erst in einem Telefongespräch mit einer Angestellten des Nachtcafé. Nachdem ich ihr meine Geschichte Telefonisch geschildert habe, wird anhand dieses Vorgesprächs der Moderator informiert. 

Nachdem ich diese Anfrage bekam, habe ich mir zuerst ein paar Sendungen angehört. Ich empfand die Art und Weise, wie der Moderator seine Gäste befragt, sehr achtsam. In keinem Moment wurde der Gast gedrängt, noch mehr preiszugeben. Im Gegenteil hat er sogar versucht, einen Gast zu bremsen, als dieser zu sehr ins Detail gehen wollte und sich in Emotionen verlor.

Hier geht`s zum Nachtcafé-Podcast

Nach meiner Entscheidung galt es noch abzuklären, ob ich das Interview auch aus Teneriffa – meinem aktuellen Aufenthaltsort für den Winter – machen kann. Für das Gespräch sollte mir nämlich ein Handy zugeschickt werden, auf welchem eine App vorinstalliert ist. Nachdem das nun geklärt war, haben wir einen Termin am Mittwoch, den 7.12.22 gefunden.

Das Schweigen brechen

Die Podcast-Sendung vom SWR wurde durch meinen Beitrag auf Kein Opfer e.V. auf mich aufmerksam. Immer weiter kommen nun Situationen, in denen ich meine Geschichte erzählen darf. Der erste Mensch war meine damalige Freundin, der ich meine Geschichte erzählte. Das weitete sich immer mehr auf den Freundeskreis aus. Meine Familie, Stefan vom Jungenbüro Nürnberg, meine Anwältin, die Polizei, vor Gericht, ein Interview durch den Instagram Kanal der Missbrauchsbeauftragten, unzählige Selbsthilfegruppen und und und… eine Liste, die ich noch länger ausführen könnte und die mit Sicherheit auch noch länger wird. 

Denn jedesmal wenn meine Geschichte gehört wird, erlang ich ein weiteres Stück meiner Freiheit wieder. Dabei kann ich mich schon so frei bewegen, wie ich mir das niemals vorgestellt hätte. Deswegen ist es nun an der Zeit, noch weiter in die Öffentlichkeit zu gehen, um auch für andere Betroffene ein Stück Freiheit zu erkämpfen. Wenn die Thematik des sexuellen Missbrauchs aus dem Schatten der Gesellschaft geholt ist, dann werden sich andere noch eher trauen, sich zu öffnen und ihre Verletzlichkeit zu zeigen.

Die Tabuisierung von sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen

So zumindest die Theorie. Denn eines habe ich am eigenen Leib erfahren, dass all die Tabuisierung auf mich extrem viel Druck ausgeübt hat. Ich hatte starke Ängste, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, wenn ich erzählen würde, was mir passiert ist. Niemand würde mich mehr ernst nehmen. Und was wäre, wenn sie mir überhaupt nicht glauben würden? Die finden mich bestimmt eklig und schwach. Ich möchte nicht schwach wirken. Ganz nach dem Motto: “Bist du ein Mann oder eine Maus?”

Meiner Meinung nach können Täter durch diesen gesellschaftlichen Druck ihre Macht ausüben: “Du darfst es keinem erzählen, sonst passiert was!” Der Volleyball Trainer, der mir diese Gewalt antat, sprach das auch aus. Doch hatten wir zu Beginn wie einen unausgesprochenen Pakt geschlossen. Ich würde nichts erzählen und mir würde nichts passieren. Ich wäre sicher. Dabei war ich alles andere als sicher.

Wir Überlebende haben die Macht, uns selbst zu retten und den Tätern die Macht zu nehmen. Wenn wir gemeinsam aufstehen. Laut werden. Uns erheben. Dann kann eine unbändige Kraft entfacht werden. Und ich sage eine Zeit voraus, in der wir laut sind und uns von der Tabuisierung befreien. Noch gibt es wenige und es liegt viel Arbeit vor uns.

Ich bin total froh, dass das Nachtcafé auf mich aufmerksam geworden ist und ich die Möglichkeit habe, weiter etwas für die Öffnung der Gesellschaft zu tun. Doch bedeutet so ein Interview für mich dennoch eine große Überwindung. Wieder einmal völlig fremden Menschen von meiner Geschichte erzählen. Nach so einem Gespräch fühle ich mich manchmal wie durch den Kakao gezogen und benötige Tage der Regeneration. Doch durch die Aufklärungsarbeit, die ich mache, bekommt mein Leben einen tieferen Sinn und ich fühle, dass ich an etwas Wichtigem beteiligt bin.

Schritt für Schritt in die Freiheit

Ich stehe für mich auf. Damals war ich ein Kind, meine Eltern, Lehrer und die Gesellschaft waren für meine körperliche Unversehrtheit verantwortlich. Und ich realisiere, dass sie nicht ihrer Verantwortung nachgekommen sind. Ich möchte niemanden beschuldigen, denn ich bin mir sicher, dass wenn sie es gekonnt hätten, dann hätten sie mich beschützt. Obwohl ich an diesem Punkt immer wieder in Zweifel komme. Doch möchte ich Vergebung üben. Denn solange ich meine Wut auf einen schuldigen Projiziere, kann ich nicht frei von Wut werden. Und ich wünsche mir, so sehr frei zu sein. Frei von den zerrissenen Gefühlen, der Ohnmacht, der Depression und meinen Ängsten. Doch Schritt für Schritt. Denn ich spüre, dass ich auf dem richtigen Weg bin und heute ein freieres und glücklicheres Leben führe als früher.

Mögest du glücklich sein.

Dein Peter